Flagge des Vereins

Kajak vierpunktnull

Mein neues Moped hat jetzt fünf verschiedene Fahrmappings, super. Ich kann jetzt bei Regen den Modus Rain einschalten und der Motor gibt, selbst wenn ich voll am Gasgriff reiße, nur so viel Gas, dass mein Hinterrad nicht ausbricht. Das Kraftrad errechnet permanent meine Schrägläge. Wenn ich tief in der Kurve liege und auf schmieriger Fahrbahn kräftig in die Bremse greife, reagiert das Motorrad dank Kurven ABS so, dass mein Vorderrad nicht blockiert und ich wohl nicht aus der Kurve geschossen werde. Unsere Autos sind eh voll von guten Assistenzsystemen. E-Bikes sind auf dem Vormarsch, von 50 Fahrradfahrern, die bei mir am Deich vorbei radeln, sind gefühlt nur noch 5 ohne E- Antrieb. (Auf einem davon sitzt meistens unser ehemaliger Wanderwart, ja es gab schon mal einen vor Susi). E-Bikes sind super, die berechnen die Resttrampelzeit und reduzieren den Verbrauch des Akkus, der sich vorher intelligent geladen hat. Wenn ich morgens aufwache, wünsche ich mir manchmal, ich könnte mich auch intelligent laden, bin aber meist morgens nicht mal in der Lage den kalten vom warmen Wasserhahn zu unterscheiden. Ich sollte mit einem E-Bike schlafen. Smarte Häuser sind nichts neues mehr und unsere alten Mobiltelefone sind sowieso besser als wir es denen zutrauen.

Aber Kajakfahren rutscht einfach nicht ins digitale Zeitalter, trotz DKV E-Fahrtenbuch, auf das ja die meisten von uns sowieso keine Lust haben, es zu führen. Wer sich beim Paddeln blöd anstellt - den haut's rein. Wer mit dem Kopf unter Wasser hängt und weder aussteigen noch rollen kann - den haut's aus dem Leben, ein analoger Totalabsturz. Kajakfahren bleibt primitiv, und wir sind dazu noch schlechter geworden. Die Inuit der Arktis konnten alle rollen. Die konnten auf ganz wundersame Weise rollen, wer das nicht konnte, der hat auch zum Glück niemandem anders mehr Paddeln beigebracht. Wir sind also nicht mal Paddeln 4.0, wir sind Paddeln Minus 1.0. Warum geht da kein Hersteller hin und entwickelt etwas digital Neues? Boote mit Stabilisatoren, Krängungssensoren für Bug und Heck, für Backbord und Steuerbord? Ausgleichende Gewichte, Trimmtanks, ausfahrbare Auftriebskörper. Sowas gibt’s doch alles. Warum paddeln wir immer noch so dämlich analog durch die Gegend?

Weil's einfach geiler ist, Firmen in unserem Sport viel zu wenig Geld verdienen und weil wir es lieben immer links rechts das Blatt durchs Wasser zu ziehen. Weil wir dabei abschalten können, selbst wenn wir uns morgens noch nicht mal eingeschaltet haben. Wetterapps könnten den Paddler vor Böen warnen, Schwimmwesten können sich bereits vor der Kenterung aufblasen. Kleine Airbags am Kajak, die sich bei erhöhtem Wellengang automatisch auslösen, wären sicher zu entwickeln. Noch kenn ich aber keinen, der sowas will. Alle, die die ich kenne, wollen merken, dass es vielleicht gerade zu windig auf der Elbe ist oder das Wildwasser eben doch ne Nummer zu wild für uns ist. Wir nehmen ja sogar die alte Brausetablette aus unseren Schwimmwesten und ersetzen sie mit einer rostigen M10 Mutter um das Selbstauslösen der Rettungsweste zu verhindern. Recht so!

Wenn ich an meinem Rennpaddel voll am Stock ziehe und dann so richtig saftig beim Eintauchen unterschneide, dann verfluche ich im kalten Wasser liegend dieses analoge Bootfahren für einen kurzen Moment. Bisher habe ich trotzdem noch nie fünf verschiedene Kajakmappings an meinem Paddel vermisst, an meinen alten Mopeds allerdings auch nicht.

Mit analogen Grüßen Axel Engeldrum